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Jagd ist seit Jahrhunderten gelebte Tradition

 

So lautet der Titel einer „Informations-Broschüre“, herausgegeben als Beilage in der Kronenzeitung am 09.09.2018 vom Bund Österreichischer Jagdvereinigungen (BÖJV).

 

 

 

Nun ja, wenn die Verfasser sorgfältiger recherchiert hätten, wüssten sie, dass Jagd mitnichten seit Jahrhunderten gelebte Tradition ist. Der im Text erwähnte Cro-Magnon, den man als modernen Menschen, Homo sapiens (sapiens), L. 1758 bezeichnen darf, hat mit Sicherheit andere Taktiken und Waffen genutzt, um an Fleisch zu gelangen, als die heutige hochtechnisierte und hochgerüstete Jägerschaft; auch dürfte die Motivation des Cro-Magnon sich deutlich von der heutiger Jäger unterschieden haben.
Aus der Epoche der sog. Völkerwanderung ist nichts Verschriftetes überliefert, erst seit dem Mittelalter wurde Wichtiges in lateinischer Sprache in Schriftform überliefert. Es sei daran erinnert, dass Karl, gen. Der Große, Analphabet war und neben der Jagd auf heidnische Sachsen auch der Jagd auf sog. Hochwild sehr zugetan war. Er bevorzugte Luchsbraten in abendlicher Runde! Die Einrichtung von Bannforsten als königlich-kaiserliche Jagdreviere war eine Erfindung besagten Karls, der im Gegensatz zum Cro-Magnon die Jagd bevorzugt zu Pferde ausübte.
Mit der „Entdeckung“ Amerikas (1492) durch Columbus endete offiziell das Mittelalter (Mittelalter Zeitraum 500-1500) und die Neuzeit folgte. Eine der irrwitzigsten Entwicklungen der Neuzeit war die „Erfindung“ des Absolutismus in Europa. Dieses Herrschaftssystem brachte die barocken Hofjagden hervor, weidgerechtes Abschlachten von Tiermassen, die zuvor von der untertänigen Landbevölkerung unter tagelangen Mühen und Entbehrungen zusammengetrieben werden mussten.

 

 

Dann gab es noch die Französische Revolution (1789), die dem Absolutismus den Garaus machte und in deutschen Landen die unvollendete Revolution von 1848/49, die das Jagdrecht wenigstens z. T. bürgerlich gestaltete und das kleinflächige Reviersystem begründete. Seit dieser unvollkommenen Revolution sind gerade einmal 170 Jahre vergangen, weshalb die Titelbehauptung „Jagd ist seit Jahrhunderten gelebte Tradition“ doch ein wenig überzogen klingt. Es sei denn, der BÖJV zählte die brutalen Schlachtfeste der höfischen Jagden zu seiner Tradition.

 

Die Behauptung „Der BÖJV ist unpolitisch…“ stimmte, wenn Jagd kein Politikum wäre; wäre richtig, wenn durch die Jagd Bürgerinteressen nicht berührt würden, was offensichtlich nicht stimmt. Hätte man geschrieben „Der BÖJV ist politisch neutral…“, dann träfe dies möglicherweise zu. Sich aber als unpolitisch zu bezeichnen mit mehr als 100.000 Mitgliedern (potentielle Wähler!), ist naiv und/oder irreführend.

 

In Fettdruck ziert nachfolgende Behauptung die Titelseite der Broschüre: Informieren Sie sich über dieses traditionelle Handwerk, weil Jagdgegner/Innen – eigentlich Gegner des Fleischverzehrs – falsche Informationen verbreiten.
Dieser Satz impliziert, dass nur Vegetarier und Veganer Gegner der Jagd wären. Es gibt genügend Menschen, die nicht auf Pflanzenkost abgefahren sind, dennoch die Jagd in heutiger Form kritisieren und ablehnen und zwar u. a. nachfolgende, fett gedruckte Behauptungen der Titelseite der Broschüre:

 

 

-Da wir die vormalige Naturlandschaft zur – vom Menschen geprägten – Kulturlandschaft gestaltet haben, sind wir verpflichtet, ein ökologisches Artengleichgewicht zu erhalten bzw. zu schaffen.-


Es wäre wunderbar, wenn die Verfasser erklären könnten, was sie eigentlich unter „ökologischem Artengleichgewicht“ in einer anthropogenen Umwelt (im Anthropozän) verstehen möchten.

 

Aber es kommt noch besser, denn
-Tierrechtsextremisten, welche Tiere über Menschen erheben, verdrängen, dass Natur extrem grausam ist – fressen und gefressen werden – und kein Wildtier ewig lebt.-

Diese Behauptung ist purer Unsinn! Denn weder belebte noch unbelebte Natur kann grausam sein. Das einzige Säugetier, das bewusst und willentlich grausam handeln kann ist der Mensch, da ihn sein hoch entwickeltes, wenn auch nicht perfektes Zentralnervensystem dazu befähigt. Hier sei nur an die zwölf Jahre des sog. „Tausendjährigen Reichs“ erinnert, in denen sadistische Grausamkeit europaweit zum Tagesgeschäft gehörte.

 

Wenn ein vom Sturm geworfener Baum auf einen einsamen Wanderer stürzt und dieser zu Tode kommt, ist das tragisch, aber niemals grausam, da weder Sturm noch fallender Baum absichtsvoll gehandelt haben. Auch der vom Trophäenjäger angebleite afrikanische Büffel handelt gegenüber dem Schützen, den er annimmt und tötet, nicht grausam sondern – aus menschlicher Sichtweise – in Notwehr gegenüber dem Plagegeist.
Tierrechtlern, selbst extremistischen, zu unterstellen, sie verdrängten, dass „kein Wildtier ewig lebt“, ist platte Polemik.

 

Der letzte Satz (Normaldruck!) von Seite 1 der Broschüre „Nur bei ganz wenigen Arten führt die sogenannte kompensatorische Mortalität dazu, dass Beutetiere ihre Beutegreifer regulieren.“ kann nicht unkommentiert bleiben: Pseudowissenschaftlicher Quatsch! Nicht die Beutetiere regulieren, sondern deren zu geringe Populationsdichte (aus welchen Gründen auch immer), damit Nahrungsmangel führen beim Beutegreifer zum Hungertod oder niedriger bzw. ausbleibender Reproduktion. (Kompensatorische Mortalität = ausgleichende Sterblichkeit, von lat. compensare – aufwiegen, ausgleichen).

 

 

 

Seite 2 der Broschüre besteht aus einer Ansammlung von Polemik und Plattitüde, auf die einzugehen nicht lohnt. Aber ein Satz muss doch zitiert werden: „Nach KFZ-Kontakt sucht und erlöst die Jägerschaft mit ausgebildeten Jagdhunden verletzte und entsorgt getötete Wildtiere.“ Unfreiwillige Stilblüten sind einfach die schönsten!
Verständlich ist, dass die Jägerschaft ihre Lobby- und Dachorganisationen CIC und FACE in höchsten Tönen lobt, denn wer sonst sollte ihre Interessen gegenüber Politik und Institutionen vertreten?

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Seite 3: „Im Jagdjahr bedeutet Jagdausübung hunderte Stunden Naturbeobachtung [Zusatz: im schweren, Wege zerstörenden Allradfahrzeug] und nur wenige Sekunden Schussabgabe [Zusatz: weshalb das Wild auch so vertraut ist. Gerade das intelligente Rotwild lernt sehr schnell am Motorengeräusch, dass mal wieder der sekundenschnelle Schussabgeber im Revier ist und verzieht sich von der Fläche in den dichten Bestand, um dort zu Schaden zu gehen.]

 

 

-Tierschutz ist nicht Artenschutz. Unsere Gesellschaft ist verpflichtet, möglichst alle auf dieser Welt verbliebenen Arten zu schützen und zu erhalten, wofür die Jagd einen wertvollen Beitrag leistet. -


Frage: Warum wird ein Gegensatz zwischen Tier- und Artenschutz aufgebaut?
…“Die Jägerschaft finanziert Trappenäcker und reduziert die Population von Beutegreifern (Fuchs, Dachs, Rabenvögel als Gelegeräuber, bald notwendig auch die invasiven Zuwanderer Goldschakal, Marderhund und Waschbär.“

 

Anmerkungen: Jedes von Füchsen leergeschossene Revier [bei nur wenigen Sekunden Schussabgabe. Oder wird die tierquälerische Fallenjagd praktiziert?] wird bald wieder von „invasiv zuwandernden Füchsen“ besetzt, bei Dachsen dauert es etwas länger.
Waschbär und Marderhund sind zwar invasive Neozoen, jedoch sagt ihnen ein typischer Trappenbiotop kaum zu. Und was den invasiven Zuwanderer Goldschakal betrifft: Zaun bauen, wegen Details bei Nachbar Orbán nachfragen. Eins ist jedoch sicher: Goldschakale beabsichtigen nicht, Österreich mit Anschluss zu beglücken!

 

 

Was die Trappen betrifft: Durch Jagd und intensivierte Landwirtschaft wurden die Bestände gravierender heruntergewirtschaftet als durch Beutegreifer.

 

Ansonsten bietet S. 3 wenig sachlich-fachlich fundierte Fakten. Gegen die Errichtung von Windenergieanlagen überhaupt, insbesondere an falschen Orten kann der BÖJV nichts unternehmen oder politischen Einfluss nehmen, da er ja (s. Titelseite) unpolitisch ist.

 

Das Beste auf S. 4 ist das Foto der beiden „vereinigten“ Feisthirsche. Der erste Satz (in Fettdruck) ist zu Papier gebrachte Geschichtsklitterung: Jagd ist ein historisches Grundrecht (für den Hochadel, nicht für die hart schuftenden, zu Abgaben und Frondienst verpflichteten Landbewohner) und ein wichtiger Beitrag für den Naturschutz (weshalb Ur, Wisent, Elch, Steinwild, Braunbär, Wolf, Luchs und Wildkatze, um nur einige wenige Tierarten zu nennen, in historischen Zeiten durch Bejagung ausgerottet oder an den Rand der Existenz gebracht wurden) sowie ein in Jahrtausenden gewachsenes Kulturgut (Jahrtausende bedeutet ja mindestens deren zwei. Die transalpinen römischen Kolonien bringen es auf dieses Alter, nur waren – bis auf ein paar spätrömische Herrscher – Römer alles andere als Jagdbegeisterte. Das „in Jahrtausenden gewachsene Kulturgut“ beschränkt sich mit sehr viel Wohlwollen auf 12 Jahrhunderte.

 

Die Weidmannssprache ist eine artifizielle Zunftsprache, sprachlogischem Aufbau abhold. Obwohl anatomisch-physiologisch von gleichem Aufbau und gleicher Funktion, besitzt sog. Hochwild Lichter (= Augen), während sich sog. Niederwild mit Sehern und Vögel mit Augen begnügen müssen. Die Wort- und Sinnanalyse der Jägersprache und des jagdlichen Brauchtums zu dokumentieren würde den Umfang dieser notwendigen Kritik an der BÖJV-Broschüre unnötig anschwellen lassen.

 

Wer noch nicht weiß, was hohles Pathos ist, der lese nachstehende Sätze nüchternen Magens und Geistes, ihm/ihr vergeht derAppetit: Jagdausübung bedeutet neben Freude am Weidwerk auch die Verpflichtung zur Bewahrung des großen Kulturerbes unserer Gesellschaft. Die Jagd steht vor allem im Dienste der Erhaltung der Natur und erfüllt ein wichtiges gesellschaftliches Erfordernis unserer Zeit.

 

Friedrich II. (1194-1250), der wahrscheinlich höchst gebildete Kaiser des Hl. Römischen Reiches Deutscher Nation ist der Verfasser der „de arte venandi cum avibus“, des bekanntesten Werks über die Falknerei. Sein Wissen hat Friedrich/Federico in Süditalien (Apulien), auf Sizilien und von orientalischen Fachleuten erworben, nicht aber in den Regionen, die das heutige Österreich ausmachen. Deshalb verwundert der nachstehende, natürlich fett gedruckte Satz: So wurde die Falknerei von der UNESCO auch als österreichische Tradition in die „internationale Liste des immateriellen Erbes der Menschheit“ aufgenommen. Soviel zu Traditionen, die ihren Ursprung im südlichen Mittelmeerraum und im Orient haben!

 

 

Auf S. 5 geht’s um Fleischgenuss, nicht um Fleisch von Haustieren, sondern um Wildbret. Es ist zwar verständlich, dass die Jägerei das Fleisch der geschossenen Tiere vermarkten will, aber bei der Werbung für Wildbret sollte man ein wenig zurückhaltender sein. Vor allem bei Begriffen und Aussagen wie „naturschutzgerechte Nutzung der vielfältigen Wildbestände“ oder „Wildbret wird unter hohen ethischen Vorgaben gewonnen, denn bei weidgerechter Jagd erbeutetes Wildbret garantiert tierschutzgerechte Fleischgewinnung.“ Fragt sich der Leser, warum überhaupt Nachsuchen auf krank geschossenes Wild notwendig werden? Denn, nur wenn das beschossene Stück im Feuer tot zusammenbricht, kann man von tierschutzgerechtem Töten sprechen. Und wie tierschutzgerecht der Schrotschuss auf schnell streichendes Flugwild und hochflüchtiges Niederwild wie Fuchs und Hase ist, wäre wirklich ernsthafter Diskussion würdig.
Nicht nur Tierärzte wissen, dass Fleisch von Tieren, die Stress ausgesetzt wurden – Hetze, länger andauernde Fluchten, allgemeiner Stress, wie bei vielen Bewegungsjagden üblich – minderer Qualität ist. Die Fleischreifung verzögert sich, ist ggf. unvollständig. Nicht umsonst ließen die Altvorderen das Wild so lange abhängen, bis es den sog. Hautgout verströmte.
Zitat von S. 5: Wenn Sie heimisches Wildbret in Top-Qualität beim Jäger, Wildbrethändler, Fleischhauer etc. kaufen, kann man sicher sein, dass hohe Qualitätsstandards eingehalten wurden. Dieser Satz ist ein klassischer Zirkelschluss, mithin ein fragwürdiges Argument.

 

 

Der Text auf S. 6, verfasst von einer Universitäts-Lektorin, trägt den netten Titel
„Wie Bambi es an die Uni schaffte“ (trotz Numerus clausus, möchte man hinzufügen). Der Erfinder von Bambi, der Schriftsteller Felix Salten, ließ das Kitz zu prächtigem Rehbock gedeihen. Die Metamorphose zum Weißwedelhirsch verdankt die Menschheit Walt Disney, einem inoffiziellen Mitarbeiter des berüchtigten Herrn McCarthy.

 

Ein Großteil der „Jagd“, (warum Komma?) hat nichts mit dem tatsächlichen Erlegen des Wildes zu tun, das Schießen spielt in der Gesamtbetrachtung eher eine untergeordnete Rolle. Diese beruhigende Behauptung findet sich bereits weiter vorn in der Broschüre, ebenso wie die Feststellung (Zitat): …Es ist auch oft einfacher dies zu glauben, als sich bewusst mit der Realität der Natur, die durchaus grausam sein kann (immerhin eine gewisse Abschwächung der „grausamen“ Natur), auseinanderzusetzen.

 

 

S. 7 Die Saga vom guten Wolf!

 

Eine Anmerkung vorweg: Wolf und Weidewirtschaft, speziell Almwirtschaft – frei von Problemen ist die Angelegenheit gewiss nicht. Aber der Mensch als vergleichsweise intelligentes Wesen, zudem dem Natur- und Artenschutz verpflichtet, sollte eigentlich fähig sein, Problemlösungen zu finden, die eine Koexistenz ermöglichen. Wenn die harte Schule der Evolution dem Menschen schon die Ausbildung eines funktionsfähigen Hirns ermöglicht hat, so soll Homo sapiens dieses auch für vernünftige und ökologisch verantwortbare Problemlösungen einsetzen!

 

Zur „Die Saga vom guten Wolf!“ bleibt festzustellen: Durchweg polemischer Text, der sich Problemlösungen nicht stellt, wohl aber Vorurteile bedient. Kein Wunder, wenn man die dürftige Literaturangabe betrachtet:
Der Verfasser von „Das Europa der Wölfe“, Kaj Granlund ist kein Wissenschaftler; wäre man bösartig, könnte man ihn als Scharlatan (ital. ciarlatano – Marktschreier, Schaumschläger) bezeichnen. Erstaunlicherweise ist „Das Europa der Wölfe“ für etliche jagende Akademiker eine Art Bibel; in beiden Werken werden wundersame Dinge berichtet.
Zwar ist der Verfasser von „Zur Hölle mit den Wölfen“, Frank N. Möller, Wissenschaftler (Politikwissenschaft), hat die umfangreiche Wolfsliteratur studiert und seine eigenwilligen Schlüsse gezogen, wie der Buchtitel verrät.
Ein, korrekter Wissenschaft verpflichteter Zoologe oder Biologe hätte andere Schlüsse ziehen müssen.
Ein Vergleich: Schreibe nie eine Reitlehre, wenn Du noch nie auf einem Pferd geritten bist!

 

 

S. 8 der Broschüre: Richtiges Verhalten in der Natur

 

Insgesamt brauchbare Hinweise im fett gedruckten Teil, aber Zecken besiedeln nicht nur Wald sondern auch Offenlandschaften mit höherer Vegetation.
Im normal gedruckten Abschnitt ist der Text teilweise recht blumig…

 

Gesamtbeurteilung der Broschüre: Unbefriedigend. Weniger und das präzise, wäre mehr! Bei der Lektüre Contenance zu bewahren, war nicht einfach.

 

KIANG und Emil, Sept. 2018