Auszug aus der Begutachtung des Luchses Gustav

Biometrische und Morphologische Beurteilung

 

Die uns am 24.01.2017 und am 26.01.2017 vom LFU zur Verfügung gestellten Fotos bzw. Videomaterial zeigen einen ausgewachsenen, schwach gezeichneten Luchs.

Nach der Fellzeichnung zu urteilen handelt es sich um den Ökotyp Flachlandluchs.

Das auf dem Bildmaterial deutlich erkennbare Winterfell mit dichtem Wollhaar (Unterfell/Sekundärhaar) wird häufig dem Skandinavischen und dem Sibirischen Ökotyp Luchs zugeordnet.

Die Punktierung erscheint schwach bräunlich im Grundton nicht schwarz, was auch auf den genannten Ökotyp Flachlandluchs hinweist.

Das Gesicht ist länglich, rechteckig und mit nicht weit ausholenden Jochbögen. Die Zygomatbreite (die größte Breite des Schädels gemessen zwischen den Jochbögen) sollte bei diesem Exemplar nicht wesentlich über 10cm liegen (Bild Nr. 2).

Der Kopf/Schädel im Verhältnis zum Körper wirkt nicht massig wie bei den meisten sibirischen Unterarten.

 

Bild Nr. 1 dokumentiert eine Teil-Seitenansicht eines ausgebildeten Gebisses eines adulten Luchses.

Bild 1
Bild 1

Bild Nr. 2 Auch die Länge der Ohrenpinsel müssten einem mindestens 5 Jahre alten Exemplar zugeordnet werden.

Bild 2
Bild 2
Bild 3
Bild 3

Die mit Bild Nr. 3 deutlich dokumentierte Bindegewebsschwäche am Bauch spricht für eine Gefangenschaftshaltung verbunden mit unsachgemäßer, nicht artspezifisch angepasster Fütterung. Diese ist auch im Zusammenhang mit mangelnder Bewegungsmöglichkeit bzw. Laufaktivität zu sehen.

Auffällig erscheint, die Muskelatrophie des Oberschenkels (M. biceps femoris) im Verhältnis zum Gesamtkörper unter besonderer Berücksichtigung des dichten Winterfells.

Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Katze über einen längeren Zeitraum in freier Wildbahn aufgehalten hat. Der Zustand der Bindegewebsschwäche am Bauch könnte daher ein Hinweis darauf sein, dass körpereigene Fettreserven durch orientierungslosen Freilauf reduziert worden sind. Dokumentiert sind mindestens 6 Wochen Freilauf. Unserer Einschätzung nach handelt es sich bei dem durch das LFU dokumentierte Exemplar um einen skandinavischen Luchs aus Gefangenschaftshaltung.

Tötung Kamerunschaf

 

Alle katzenartigen Raubtiere zeigen bei großen Beutetieren eine angeborene Orientierung des Tötungsbisses in Richtung Hals/Kehle.

Die Feliden treffen in sehr hohem Prozentsatz der Fälle die Kehle obwohl die Zähne selbst bei gutem Kehlbiss sehr häufig auch in das Halsmark des Beutetieres eindringen können. Dies erfolgt häufig mit nur einem Zubiss auch aus sehr unterschiedlichen Richtungen.

Das durch das LFU nachgewiesene Beutetier, ein Kamerunschaf, kann durchaus und nachvollziehbar durch den Luchs Gustav I getötet worden sein.

Hierfür sprechen die Bilddokumente, die einen für diese Beutetiergröße durch Luchse angewandten Kehlbiss (Erstickungstod-Luftröhre) beweisen ( Bild Nr. 4).

Bild 4
Bild 4

Das Anschneiden des Kamerunschafs am Muskelfleisch des Hinterbeins ist auch für Luchse typisch.

Alle die von uns beobachteten Feliden, die lebenslang keine Beute töteten, hätten es möglicherweise genau so getan wenn ihnen eine ähnliche “ Reiztherapie“ wie dem Luchs Gustav I zu Teil geworden wäre. Jedoch ist die Reizschwelle für die erstmalige Auslösung bei älteren oder gar ganz erwachsenen Tieren deutlich höher als bei Jungtieren. Es besteht allerdings kein irreversibler Verhaltensausfall wenn die Erfahrung in der Jugend versäumt wird.

In allen Fällen orientierten sich die Katzen zum Hals des Beutetieres hin und bissen wie der Luchs Gustav I in der beschriebenen Weise zu. Dieser zeigt also hinsichtlich der Bissorientierung reines Typusverhalten, eben wie ein wirklich Beute erfahrenes Tier.

Man kann nicht zweifeln, dass der Luchs genau die Halsunterseite zum Nacken zu unterscheiden weiß und nur diesen anstrebt.  

 

Wildluchs und Zahmluchs unterscheiden sich nicht bei der Tötung rehgroßer sowie wehrhafter Beutetiere.

Die Orientierung ist hier fast immer auf den Hals, Kehlbereich gerichtet.

Videodokumentation Luchs/Hund

 

Im Verbreitungsgebiet der Luchse sind hundeartige Raubtiere (Wölfe) die natürlichen Feinde. Füchse werden vom Luchs getötet. Haus- und Jagdhunden sind sie in den meisten Fällen überlegen und können in bestimmten Situationen diese töten. In Skandinavien wird die Lizenzjagd auf den Luchs mit Hunden praktiziert. Jagdhunde folgen der Spur des Luchses und versuchen durch bellen dem Jäger die Position räumlich anzuzeigen. Ausgewachsene, wilde Luchse treten Hunden gegenüber selbstbewusst auf. Dies wird auch deutlich durch die Schwanzstellung beim Luchs angezeigt.

 

Fotodokumentation: Jagdszene, Luchs, Schweden, Schwanzstellung

Bild 5
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Bild 6
Bild 6
Bild 7
Bild 7

Wird durch unerfahrene Jagdhunde eine Mindestdistanz unterschritten, versucht der Luchs den Jagdhund zu packen. Es kann ein zielgerichteter Biss in die Kehle erfolgen mit blitzschnellem Umklammern/Festhalten und Heranziehen des Hundekörpers durch die kräftigen Vorderbeine der Katze. Der Luchs wirft sich in Seitenlage und bearbeitet den Hundekörper mit den Hinterbeinen und Krallen.

Die uns vom LFU zur Verfügung gestellten Videoaufzeichnungen der

 Luchs – Hundbegegnung müssen wir als einmaliges Dokument bewerten, da der Luchs Gustav I dieses Verhalten nicht zeigt.

Wir können daher davon ausgehen, dass der Luchs Gustav I mit Hunden sehr vertraut ist,

diesen Kontakt nicht als Bedrohung ansieht sondern den Hund als Spielgefährten/Sozialpartner erkennt bzw. betrachtet.

Die Vertrautheit der Situation wird besonders dokumentiert durch das Signal “Schwanzposition“ des Luchses Gustav I. Die Position des Schwanzes ist deutlich

erkennbar, hängend mit entspannten, ruhigen Seitenbewegungen.

Bild 8
Bild 8
Bild 9
Bild 9

Der Luchs Gustav I ist auch zum Hund nicht blickscheu!

Position stehend, die jeweiligen Körperseiten zugewandt, Kopf gegenüber dem Hinterteil des Hundes und umgekehrt, also parallel verkehrt. Dies wäre bei Wildluchsen und auch Gefangenschaftshaltungen (Gehegeluchs) ohne soziale Prägung schon während der sensiblen Jugendentwicklung so nicht vorstellbar.

 

Dokumentiert durch Bild Nr.8 und 9

Wildluchse versuchen bei nahem Kontakt mit Hunden Kopffront gegen Kopffront zu positionieren, um einen Angriff bzw. eine Abwehr unmittelbar erfolgreich einzuleiten oder abwehren zu können. Es ist uns kein Fall bekannt, wo aus einer ähnlichen Situation heraus nicht ein blitzschneller Angriff durch den Luchs erfolgt wäre.

Der Luchs Gustav I muss soziale Anbindung gehabt haben. Diese bestand mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon im präpubertären Stadium/Jugendentwicklung.  

Diese war mit irreversiblen und guten Erfahrungen für die Katze verbunden.

Ein besonderes Lob/Anerkennung muss dem Hundeführer und dem beteiligten Hund ausgesprochen werden; ein ganz vorbildliches Verhalten.

Bemerkung und Empfehlung:

 

Aus diesen Beobachtungen sollte erkannt werden, dass dem Luchs Gustav I die soziale Anbindung wieder ermöglicht werden sollte.

Der Sozialverband Hund/Mensch – Luchs wäre aus ethologischer Sicht wieder anzustreben.

Hier eröffnet sich die Möglichkeit, wertvolle Erkenntnisse aus dem Sozialverhalten der Kleinkatze Luchs zu beobachten und zu dokumentieren.

Videodokumentation Luchs/Sitzkissen

 

Die Videoeinspielung ist ein deutliches Dokument dafür, dass der Luchs Gustav I mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Handaufzucht durch Menschen ist. Die behutsame Annäherung an den Kameramann, diese sehr sensibel wirkende Annäherung lässt mit großer Sicherheit eine irreversible Prägung auf den Menschen erkennen. Hier wird kein “Schleichlaufen“ durch den Luchs Gustav I praktiziert; Gustav I nähert sich auffallend behutsam, die Schnurrhaare entspannt angelegt, dem wahrscheinlich sitzenden Menschen. Ältere Katzen sind auf Grund ihres Alters im Spielverhalten “Bodenspieltypen“.

Gustav I richtet die Schnurrhaare nicht vorwärts wie bei katzenartigen Raubtieren beim Beutefang kurz vor dem Zubiss beobachtet wird. Auch beim Spiel werden Schnurrhaare (Rezeptoren) häufig fächerförmig vorgezogen. Dieses Verhalten ist bei Gustav I in der Videodokumentation nicht festgestellt worden. Hier muss die Katze über erworbene Erfahrungswerte verfügen und diese auch aus der Situation heraus anwenden. Dies setzt selbstverständlich voraus, dass die Katze Gustav I eine solche Situation erkennt und umsetzen kann. Alle Bewegungsabläufe nach Ergreifen des Sitzkissens könnte man mit “ folge mir Spiel“ verstehen. Das behutsame sich entfernen mit dem Sitzkissen ist ein einmaliges Dokument. Es spricht deutlich für die soziale, enge Prägung von Gustav I auf den Menschen.

Dem Kameramann muss ebenfalls großes Lob ausgesprochen werden, die Situation sehr gut und ruhig erkannt zu haben. Besonders dem der Situation hervorragend angepassten und stimmenden Tonfall gebührt hohes Lob.

Bemerkung:

Ist es überprüft worden, ob der Luchs Gustav I kastriert ist?

Kopfform/-konfiguration: Für einen beinahe erwachsenen Luchskuder (Alter etwa 36 Monate) besitzt Gustav I einen zierlichen Hirnschädel und einen recht schlanken Gesichtsschädel, wodurch der gesamte Schädel eher feminin wirkt. Schädelformationen werden einerseits hormonell gesteuert – typischer (breiter) Katerkopf – andererseits, da Knochen ein höchst reaktives Gewebe ist, auch durch die Betätigung und Beanspruchung der Knochen. Angenommen, Gustav I wäre ein von Hand aufgezogener Luchs, der überwiegend mit weichem Futter ernährt wurde, so erfuhr der Gesichtsschädel (Ober- und Unterkiefer) kaum ausreichend Impuls zu stärkerer Ausbildung entsprechender Skelettpartien. Andererseits: Sollte Gustav I kastriert worden sein (nicht dokumentiert in den Unterlagen!), so wäre das eine ausreichende Erklärung für die eher weibliche Schädelkonfiguration: Ohne Testosteron kein typischer Katerkopf.

Bei Gustav I fällt deutlich vorgefallene Nickhaut (drittes Augenlid) beiderseits auf, wobei die Farbe der Nickhaut auffallend bleich, leichenhaft blass ist. Der markante Vorfall der Nickhaut überschreitet eindeutig den physiologischen Normalbereich, die entsprechenden Fotos sollten einem tierärztlichen Experten aus dem Gebiet „Felideninfektionen und –pathologie“ zur Begutachtung vorgelegt werden. Wir würden dies gerne von einem unserer Kollegen begutachten lassen.

Der uns dokumentierte Luchs Gustav I ist eine sozial leicht wieder zu integrierende Kleinkatze. Der Luchs Gustav I braucht dringend und umgehend Sozialkontakt.

Hier drängt die Zeit.

 

 

V.A.E. Zimmermann